Corona und Demenz: Wenn Einsicht fehlt und der Zorn Tag für Tag wächst

Ulrich Seitz, Präsident der Alzheimervereinigung Südtirol ASAA schlägt Alarm: nach monatelangem Lockdown mit erheblichen Problemen für die gesamte Bevölkerung, ergeben sich nun in der Phase 2, noch weitere Schwierigkeiten im praktischen Alltag für die zahlreichen Familienangehörigen, die zuhause Menschen mit einer kognitiven Einschränkung bzw. schwerer chronischer Vergesslichkeit pflegen müssen. Konkrete Beispiele aus den täglichen Anrufen der letzten Tage über die Grüne Nummer der Vereinigung 800660561, die sich ständig wiederholen, sind dabei:

Eine Ehefrau möchte ihren an Demenz erkrankten Mann aus Angst vor Ansteckung am Einkaufen und Spazierengehen hindern. Darauf reagiert er mit Unruhe und wachsender Feindseligkeit. Seine Frau weiß sich der inzwischen oft auch handfesten Angriffe nicht mehr zu erwehren.

Eine an Demenz erkrankte Frau weigert sich, nach dem Spaziergang die Hände zu waschen, da sie ja nichts angefasst habe. Hinweise auf Aufzugknöpfe und Türklinken kann sie nicht nachvollziehen. Der Ehemann fürchtet nun um die Gesundheit beider. Ein im Pflegeheim lebender Vater wird nach Monaten ohne Besuch immer unruhiger, sucht seine Frau und nach Auswegen aus dem Heim. Er läuft in andere Zimmer und ruft panisch um Hilfe. Die Pflegekräfte vor Ort, wissen sich keinen Rat mehr.

In den Gesprächen mit Angehörigen, die sich an das Beratungstelefon der ASAA wenden, erfahren wir immer wieder, so Ulrich Seitz, wie belastend die aktuelle Situation für Angehörige von Menschen mit Demenz ist, gerade jetzt in der Phase 2, der allmählichen Lockerung ist. Nachdem die Beschränkungen nun schon seit Monaten bestehen, melden sich vermehrt Familien, die mit den zunehmend heftigeren Reaktionen von Menschen mit Demenz auf die Regelungen, Einschränkungen und Veränderungen nicht mehr zurechtkommen. Zuhause sind sie oft alleiniges Ziel für Ärger, Anschuldigungen und Angriffe. Aus diesem Grunde haben wir nun auch intern in der Vereinigung eine Art „Task-Force“ in der Selbsthilfe aufgebaut, denn die Situationen, die uns geschildert werden, sind zum Teil besorgniserregend. Und immer wieder gibt es ebenso Indizien in Richtung „häusliche Gewalt“. Wie können nun Angehörige auf zunehmenden Zorn oder sogar körperliche Übergriffe reagieren bzw. sie möglichst im Vorfeld verhindern? Das ist eine grundlegende Frage in Zeiten, wo viele öffentliche Dienste nicht angeboten werden, Kurzzeitpflege in Südtirol auf Eis gelegt ist, Essen auf Rädern auf Sparflamme funktioniert, die Wartezeiten für fachärztliche Leistungen im Gesundheitswesen einen absoluten Negativrekord verzeichnen und Menschen seit Monaten für sie unverzichtbare Untersuchungen einfach nicht mehr erhalten. Nach einer internen Recherche der ASAA, warten derzeit fast 4.000 Menschen, die an Demenz leiden, in unserem Land auf einen Krankenhaus-Temin in verschiedensten Fachbereichen (Geriatrie, Neurologie, Psychologischer Dienst, Rehabilitation, Medizin, Rechtsmedizin oder im Sozialen beim Dienst für Pflegeeinstufung).

Das Erschreckende dabei ist, dass hier vielfach Verschreibungen vorliegen, die mehr als 6 Monate alt und kaum mehr aktuell sind, da sich der Gesundheitszustand dieser Menschen ja auch verändert, so Ulrich Seitz. Eine untragbare Situation, die viele Fragen bei den Betroffenen aufwirft.

Damit man den Gegebenheiten in irgendeiner Form Herr wird, gilt es, trotz aller Belastungen, in der häuslichen Pflege, Wut und Aggression zu verstehen. Menschen mit Demenz sind mehr als andere auf Ruhe und Gleichmaß in ihrem Alltag angewiesen. Die Vertrautheit mit den tagtäglichen Abläufen gibt ihnen Sicherheit. Die derzeitigen tiefgreifenden Veränderungen belasten sie deshalb umso mehr, je länger sie andauern:

  • feste Termine und regelmäßige Besuche fehlem;
  • Rituale und Gewohnheiten müssen entfallen;
  • der Bewegungsspielraum ist erheblich eingeschränkt;
  • dabei ist die Gefahr durch ein unsichtbares Virus ist nicht nachvollziehbar
  • Anordnungen wie Abstandsregel, Hygienevorschriften, Besuchsverbot sind unverständlich;
  • es herrscht allgemeine Unruhe und Unsicherheit Menschen mit Demenz spüren die Anspannungen um sie herum, verstehen aber die Gründe für die Veränderungen nicht. In der Folge wachsen innere Spannung, Unbehagen und Unsicherheit. Diese äußern sich unter Umständen in aufbrausendem Verhalten, in Ärger und Anschuldigungen oder sogar in Tätlichkeiten.

Es ist deshalb einfacher, Konflikte zu vermeiden, als sie beizulegen. Dazu kann die Gestaltung des Alltags ebenso beitragen wie das eigene Verhalten. Gerade jetzt ist es wichtig, dass die Angehörigen möglichst klare und ruhige Abläufe und Rituale schaffen:

Des Weiteren plädiert ASAA für ausreichend Bewegung und Beschäftigung zu sorgen, und dabei die vorhandenen Fähigkeiten berücksichtigen, um Frustration und Ärger zu vermeiden.

Es gilt zudem das Selbstwertgefühl zu stärken und unbedingt die Situationen, die regelmäßig für Ärger sorgen, möglichst zu vermeiden oder versuchen, von ihnen abzulenken. Unverzichtbar für Familien, die keinen Halt von den öffentlichen Diensten erhalten, ist es, sich zumindest an die Selbsthilfe zu wenden, um die eigenen Sorgen mit anderen zu besprechen und nicht nur zuhause zu thematisieren.

Und noch etwas: die Belastungsgrenze ist nicht nur eine Thematik, die in der Kinderbetreuung evident erscheint, sondern gerade auch bei der Assistenz eines Kranken in den eigenen 4 Wänden: Mann und Frau müssen hierbei erkennen, wann die eigene Belastungsgrenze erreicht ist und man deshalb selbst nicht mehr ruhig agiert und reagiert, betont Ulrich Seitz.