GEDÄCHTNIS BRAUCHT EMOTIONEN

Im Bild von links nach rechts: Martina Spitaler, Karin Hofer von der Anlaufstelle im Sprengel Wipptal, Referent Dr. Roland Keim vom Psychologischen Dienst im Gesundheitsbezirk Brixen, Ulrich Seitz und Luise Prossliner von der Alzheimervereinigung Südtirol

Vor Kurzem startete eine gemeinsame Infokampagne der Anlaufstelle für Pflege und Betreuung im Sozial- und Gesundheitssprengel Wipptal und der Alzheimervereinigung Südtirol ASAA, mit einem spannenden Vortrag des Direktors des Psychologischen Dienstes im Gesundheitsbezirk Brixen, Roland Keim, der zu „Demenz, eine unausweichliche Erkrankung“ referierte.  Martina Spitaler und Karin Hofer von der genannten Anlaufstelle begrüßten die zahlreichen Anwesenden und Ulrich Seitz, Präsident der Alzheimervereinigung Südtirol ASSA erläuterte das Leistungsspektrum mit den Angeboten der Selbsthilfe betreffend die Unterstützung von Demenzkranken sowie deren Familien im Lande, und hier besonders auch im Wipptal.  Die Zunahme der Demenzerkrankungen erklärt sich durch die weltweit gestiegene Lebenserwartung. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Demenz auftritt. Von den 55-Jährigen ist nur jeder Hundertste betroffen, von den 75-Jährigen dagegen fast jeder Sechste, und von den über 85-Jährigen sogar nahezu jeder Zweite. In Südtirol leiden rund 13.000.- Menschen an einer Form von Demenz, im Eisacktal/Wipptal sind es derzeit laut Schätzungen der zuständigen nationalen Behörden rund 1.000.- Personen. Die Mehrzahl der Neuerkrankungen tritt ca. ab dem 65. Lebensjahr auf. Neuere epidemiologische Studien zeigen, dass die Präventionsprogramme der vergangenen Jahre – vor allem jene, die auf Herzgesundheit oder ebenso Verhaltensstörungen gerichtet sind – Früchte tragen und zu einem zaghaften Rückgang der Neuerkrankungen führen. Hier setzt die verstärkte Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Demenz an. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), so Referent Roland Keim, definiert das demenzielle Syndrom als Folge einer chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns, das eine Reihe von schwerwiegenden Folgen hat: eine Demenz führt zu Störungen von Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache, Sprechen und Urteilsvermögen. Die Symptome müssen dabei über mindestens 6 Monate bestehen, so die Experten. Es kommt auch zu Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation. Dr. Keim betont, dass viel zu oft Menschen mit Demenz gar nicht behandelt bzw. nicht adäquaten Medikamenten, versorgt werden und betont in diesem Sinne auch Studien. Große internationale Krankenkassen sprechen in diesem Zusammenhang immer öfters „flächendeckenden Fehlversorgung“. Und hier setzt Ulrich Seitz an. Er erinnert, dass die Alzheimer Vereinigung Südtirol in ihrer ehrenamtlichen Arbeit dazu beiträgt, dass Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen und professionell Pflegenden mehr Wissen sowie mehr praktische Unterstützung bei der Prävention von Demenz und dem Umgang mit Demenz erhalten. Zur Zeit ist die ASAA fieberhaft damit beschäftigt, die Selbsthilfe im Eisacktal und Wipptal auf neue Sockel zu stellen. Wie in den anderen Landesteilen sollte in diesem Einzugsgebiet ebenso die Palette der verschiedensten Hilfestellungen für Betroffene greifen. Über die Grüne Nummer 800 660561 sind individuelle Ansprechpartner vermittelbar, um beispielsweise die Gefahr, dass Angehörige die Grenzen ihrer Belastbarkeit in der Pflege von Demenzkranken weit überschreiten, zu unterbinden, so Seitz.  Denn die Veränderungen, die eine Alzheimerdemenz auslöst, greift in alle Lebensbereiche ein und Angehörige stellen ihre eigenen Bedürfnisse häufig in den Hintergrund. Es zählt nur mehr das Wohlergehen des Erkrankten. Aus dieser Aufopferung resultiert meist eine seelische und körperliche Überforderung des pflegenden Angehörigen, die meist in totaler Erschöpfung und Resignation mündet, berichtet Roland Keim. Die Praxis zeigt, dass zum Thema „Entlastung für pflegende Angehörige“ daher nur ein einziger Satz wirklich zählt, so der ASAA Präsident: „Nur wenn es Ihnen als Pflegende gut geht, geht es auch dem Erkrankten den Umständen entsprechend gut!“

Angehörige sollten sich auf ihr demenzkrankes Familienmitglied einstellen – denn umgekehrt geht es nicht mehr. Sinnlos ist es beispielsweise, einen demenzkranken Menschen darauf hinzuweisen, dass man ihm eine Frage vor fünf Minuten schon einmal beantwortet hat. Vielmehr löst dies unter Umständen Aggressionen aus. Um eine Eskalation zu vermeiden, sollten betroffenen Pflegende geduldig auf diese Wiederholungen reagieren, auch wenn es schwerfällt. Wichtig ist auch zu verstehen, dass Demenzkranke Vergangenheit und Gegenwart durcheinanderbringen. Gutes Zureden und Argumente holen sie nicht aus ihrer Realität zurück. Vielmehr sollten sich die Gesunden auf diese Realität einlassen. Dazu gehört, die Äußerungen, Gefühle und das Verhalten der Kranken ernst zu nehmen. Zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört es, sich zu beschäftigen und in Kontakt mit Menschen zu treten. Demenzkranke im frühen Stadium fürchten aber oft, wegen ihrer Krankheit zu scheitern und von anderen nicht mehr ernst genommen zu werden. Spezielle Beratungen helfen, ihnen diese Furcht zu nehmen: in den Südtiroler Betreuungsgruppen treffen sich Menschen mit Demenz im frühen bis mittleren Stadium. Solche Gruppen kommen aber nicht nur den Kranken zugute. Sie gehören zu den Angeboten, die pflegende Angehörige für einige Stunden entlasten. Eine innovative Idee, die sich laut Ulrich Seitz, auch in Südtirol durchsetzen sollte, ist das Mehrgenerationenhaus, das aufbauend auf den Erfahrungen im Ausland Kindern, Berufstätigen und älteren Mitbürgern Raum für gemeinsame Aktivitäten sicherstellen sollte . Im Mittelpunkt sollte diesbezüglich unter anderem die professionelle Hilfe für Demenzkranke und ihre Angehörigen stehen. Fachkräfte beraten in diesem Zusammenhang Angehörige oder organisieren regelmäßige Gruppentreffen. Diese Modelle könnten demnach sehr wohl attraktiv für Südtiroler Strukturen außerhalb der Stadtgebiete sein.

 

Danke für den Artikel in der Tageszeitung Dolomiten vom 22. Oktober 2019

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